„Muss ich da wirklich ein Anschreiben schreiben?“ Diese Frage hören wir in unserem Büro in Stuhr fast jede Woche — und man hört an der Betonung schon, dass die erhoffte Antwort „nein“ lautet. Wir sagen trotzdem meistens: ja. Und zwar nicht aus Prinzipientreue, sondern weil es sich für dich rechnet. Warum, zeigt eine Zahl, die uns selbst überrascht hat.
37 Prozent geben vorher auf
Die KÖNIGSTEINER Gruppe hat im September 2025 bundesweit 1.028 Berufstätige befragt, die in den zwölf Monaten davor mindestens ein Bewerbungsverfahren durchlaufen hatten. Das Ergebnis zu den formalen Hürden in Stellenanzeigen:
- 37 Prozent haben eine Bewerbung schon einmal abgebrochen, weil ein Anschreiben verlangt wurde.
- 34 Prozent stiegen aus, weil sie sich durch ein Bewerbungsportal klicken sollten.
- 33 Prozent sprangen ab, weil Arbeitszeugnisse oder ein Bewerbungsfoto gefordert waren.
- 30 Prozent brachen ab, weil in der Anzeige kein persönlicher Ansprechpartner stand.
Die Studie wurde geschrieben, um Arbeitgebern ins Gewissen zu reden — zu Recht, denn jede dieser Hürden kostet Bewerbungen. Aber wenn du auf der anderen Seite stehst, liest sich dieselbe Zahl völlig anders.
Warum die Hürde dein Vorteil ist
Dreh es einmal um: Bei jeder Anzeige, die ein Anschreiben verlangt, verschwindet gut ein Drittel deiner Mitbewerber, bevor die Bewerbung überhaupt losgeht. Das ist kein Nachteil für dich — das ist ein kürzerer Stapel.
Aus unserer Erfahrung in der Personalvermittlung kommt dazu noch ein zweiter Effekt: Wer sich die halbe Stunde nimmt, schickt in aller Regel auch eine sorgfältigere Bewerbung. Und das merkt man schon an den ersten Zeilen.
Drei Absätze, eine halbe Seite — mehr braucht es nicht
Das größte Missverständnis beim Anschreiben ist die Länge. Niemand erwartet einen Aufsatz. Was wir gern lesen, passt auf eine halbe Seite:
Absatz 1: Warum genau diese Firma
Ein einziger Satz, der zeigt, dass du die Anzeige gelesen hast. „Dass die Tour im Nahverkehr bleibt und ich abends zu Hause bin, ist für mich der entscheidende Punkt“ sagt mehr als jede Einleitungsfloskel.
Absatz 2: Was du konkret kannst
Hier entscheidet sich alles. Nimm ein Beispiel aus deinem Arbeitsalltag statt einer Eigenschaftsliste. „Ich fahre seit vier Jahren Frontstapler im Zweischichtbetrieb und habe zuletzt die Wareneingangskontrolle mitgemacht“ ist überprüfbar. „Teamfähig, motiviert und belastbar“ steht in jedem zweiten Schreiben und sagt nichts.
Absatz 3: Ab wann du kannst
Ein Satz zum möglichen Starttermin und zur Erreichbarkeit. Klingt banal, spart im Betrieb aber genau den Anruf, der sonst drei Tage später kommt.
Was du dir sparen kannst
- Abgeschriebene Musterbriefe. Personalerinnen und Personaler erkennen sie an den ersten fünf Wörtern.
- Den Lebenslauf in Fließtext. Wenn es im Lebenslauf steht, muss es nicht noch einmal im Anschreiben stehen.
- „Hiermit bewerbe ich mich auf die von Ihnen ausgeschriebene Stelle.“ Der Satz verbraucht deine wichtigste Zeile ohne Inhalt.
Und wenn gar kein Anschreiben verlangt wird?
Dann lass es weg — der Lebenslauf reicht. Ein kurzer Gruß in der E-Mail mit vier Sätzen (wer du bist, worauf du dich beziehst, ein Satz zu deiner Erfahrung, ab wann du kannst) wirkt allerdings fast immer besser als eine Mail ohne jeden Text. Das ist kein Anschreiben, das sind zwei Minuten.
Häufige Fragen
Darf ich mein Anschreiben mit KI schreiben lassen?
Als Rohfassung: gern. Aber schreib es anschließend in deine eigene Sprache um und setz dein konkretes Beispiel hinein. Generische KI-Texte lesen sich alle gleich — und das fällt beim zehnten Schreiben an einem Tag sofort auf.
Wie lang darf ein Anschreiben sein?
Eine halbe bis maximal eine Seite. Kürzer ist fast nie ein Problem, zu lang schon.
Was, wenn ich für die Stelle nicht alles mitbringe?
Trotzdem bewerben und im zweiten Absatz ehrlich einordnen, was du kannst und was du dir zutraust zu lernen. Gerade in gewerblichen Berufen suchen Betriebe eher Zuverlässigkeit als die perfekte Checkliste.
Unser Fazit
Das Anschreiben ist nicht tot, und es ist auch kein Selbstzweck. Es ist die einzige Stelle in deiner Bewerbung, an der du in eigenen Worten sagen kannst, warum du und warum hier. Unser Tipp aus der Praxis: Bau dir ein Grundgerüst aus den drei Absätzen und tausche pro Bewerbung nur den ersten Satz und das Beispiel. Dann dauert es zehn Minuten — und du gehörst zu den zwei Dritteln, die überhaupt noch ankommen.
Quellen
- https://presse.koenigsteiner.com/2025/11/25/formale-huerden-in-stellenanzeigen-vergraulen-bewerber/ (KÖNIGSTEINER Gruppe, Befragung September 2025, n=1.028 Berufstätige mit Bewerbungsverfahren in den letzten 12 Monaten: 37 % Abbruch wegen gefordertem Anschreiben, 34 % wegen Bewerbungsmanagementsystem, 33 % wegen Zeugnissen/Foto, 30 % wegen fehlendem Ansprechpartner; veröffentlicht 25.11.2025, abgerufen 18.09.2026)
- https://t3n.de/news/bewerbung-anschreiben-studie-1561763/ (Einordnung der Königsteiner-Zahlen: „Ein Drittel sucht das Weite, wenn ein Anschreiben verlangt wird"; abgerufen 18.09.2026)
- https://www.personalintern.de/artikel/formale-huerden-in-stellenanzeigen-vergraulen-bewerber/ (PERSONALintern zur selben Befragung, Methodik und Altersstruktur; abgerufen 18.09.2026)
- https://lebenslaufheld.de/blog/anschreiben-noch-noetig (Einordnung: Anschreiben ist weder abgeschafft noch universell optional — Vorgehen nach Stellenanzeige; abgerufen 18.09.2026)
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